| Schach, Ursprung und Metamorphose |
Kapitel 12 |
Spielflächen und Regeln |
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| Die Spielflächen | |||||||
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Reliefausschnitt des Stupa von Bharhut, (Nachbildung).
Eine Feldereinteilung auf sandigem Boden
Eine Feldereinteilung auf textilem Material
Zeitgenössisches thailändisches Schachbrett mit seitlichen Fächern zum Ablegen der geschlagenen Figuren.
Spielfläche und gleichzeitig Transportkästchen aus Holz.
Spielfläche und Figuren aus Pappe.
Spielfläche aus Stahlblech für magnetische Spielsteine. |
Noch heute wie vor Jahrtausenden existieren Spielpraktiken, bei denen mit einem spitzen Holz Linien oder Kreise in die Erde geritzt werden, um ein bestimmtes Muster zu erzeugen, in dem Steine, Muscheln oder kleine hartschalige Früchte nach bestimmten Regeln bewegt werden. Bis in die Gegenwart haben uralte Rituale überlebt, bei denen Schamanen mit einem rußgeschwärzten Holz Felder auf felsigem Boden zeichnen, um ihnen unterschiedliche Objekte mit symbolischer Bedeutung zuzuordnen und sie dort miteinander in Bezug zu setzen. In dem profanen Spiel mit einfachen Materialien und in der magisch-rituellen Handlung bildet das Muster am Boden den Mittelpunkt der Handlung. Die von der Umgebung abgegrenzte, strukturierte Fläche schafft das Wirkungsfeld für ausgewählte kleine Gegenstände. Hier entwickeln sie ihre gesetzmäßig organisierte Kraft. In diesem Bezugssystem von Fläche, Körper und Regeln lassen sich die Ursprünge der heutigen Brettspiele erkennen. Das Aussehen der Spielflächen aus der Frühzeit des Schachs verliert sich im Dunkel der Spielgeschichte. Der Stupa von Bharhut enthält aber in der Darstellung der vier spielenden Könige einen möglichen Hinweis auf alte indische Spielpraktiken. Auf der Abbildung entzweit der Riss in der Erde auch die Spielfläche zwischen den Spielern, eine deutliche Aussage für eine in den Boden eingeritzte Feldunterteilung. Auch die mythologischen Elemente des alten Schachs, von der Masudi berichtet, lassen ein Spiel auf dem Erdboden naheliegend erscheinen. Die Erde bildete schließlich selbst einen Teil der kosmischen Bezüge, die im Spielverlauf des Schachs erkennbar werden sollten. Altindische Glaubensvorstellungen, so die Meinung einiger Schachforscher, erklären auch die Feldanzahl des Schachspiels. Das Quadrat der in Indien heiligen Zahl Acht ergibt 64, genauso wie die dritte Potenz der gleichfalls heiligen Vier (4 x 4 x 4 = 64). Auch die althinduistische Literatur über Astronomie ist in 64 Teile untergliedert und schon in frühen buddhistischen Textstellen erscheinen die Vier und die Acht als religiös-kultische Symbole.
Auf dem Weg nach Europa unterlag das Schachspiel dem Einfluss des arabischen Kulturraumes. In diesen Ländern, in denen früher Schach gespielt wurde als in Europa, existierten vom Abendland abweichende Spieltraditionen. Bis in die jüngste Vergangenheit wurden im Orient noch Schachfiguren auf einer flexiblen Unterlage bewegt, auf denen allein Linien die 64 Spielfelder unterteilten. Ein Farbwechsel der Spielfelder war damals noch unbekannt. Für den Gebrauch von Stoffen oder Leder als Spielfläche sprachen schon rein praktische Erwägungen. Diese Materialien konnten leicht auf Teppichen in Zelten ausgebreitet werden und auch als Behältnis für die Figuren dienen, beides Möglichkeiten, die für nomadisierende Völker sicherlich von Bedeutung waren. Als älteste erhaltene Spielfläche des Schachs ist ein Schachbrett des 13. Jahrhunderts aus einem Fund in Aschaffenburg überliefert. Es zeigt schon die heute vertraute Verschiedenfarbigkeit der Felder. Die Verwendung von Holz, zumindest im Kern, prägte zu dieser Zeit schon den heute üblichen Begriff xSchachbrettx. Holz als Material für die Spielfläche bot auch in besonderer Weise die Möglichkeit, Spieluntergrund und Figuren aufeinander abzustimmen. Aufwendig gearbeitete Spielsteine sollten zusammen mit dem Spielbrett als künstlerisch gestaltete Gesamtheit in Erscheinung treten. Noch heute gelten die 64 Felder des Schachbretts als die natürliche Umgebung der Schachfigur. Trotzdem war in der Vergangenheit des Spiels immer wieder der Versuch unternommen worden, seine Spielfläche zu verändern. Schon in einer der ältesten Schachbeschreibungen ist von einem Zehnfelderschach die Rede, bei dem die hinzugewonnenen Plätze durch Dromedare und Bauern besetzt wurden. Auch im Codex Alfonso findet sich die Darstellung eines Schachbretts mit hundert Feldern. Diesen und ähnlichen Schachabwandlungen war jedoch nicht der Erfolg des ursprünglichen Spiels beschieden und so verschwand in der Evolution der Schachgeschichte die Vielzahl dieser Schachvarianten. Doch auch in der Gegenwart erscheinen Abwandlungen des Spiels. Die jüngste Entwicklung eines Schachspiels für drei Personen oder eines auf verschiedenen Ebenen belegt, dass das Interesse am Experiment mit der Spielfläche auch heute noch lebendig ist.
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| Die Spielregeln | |||||||
Zugweise des springenden Ur-Läufers
Zugweise der Ur-Dame |
Über Jahrhunderte wurde in Europa noch nach den alten, von den Arabern übermittelten, Regeln Schach gespielt. Erst in der Spielreform um 1550 fanden die Figuren ihre im Turnierschach gültige Zugweise. Die heutigen Gangarten des Königs, des Springers und des Turms (Rukh, Roch) finden sich schon im alten Schach. Von der gegenwärtigen Bewegung des Bauern und seiner Möglichkeit, zur Dame (Wesir) aufzusteigen, berichten ebenfalls schon die ältesten Schachbeschreibungen. Der arabische AI Fil (Elefant), die Urform des Läufers hingegen, teilte mit der heutigen Figur nur die Zugrichtung. Der Schrägschritt führte den AI Fil lediglich bis ins übernächste Feld, wobei er allerdings eine Figur überspringen durfte. Die tiefgreifendste Wandlung durchlebte der Wesir auf dem Weg zur Dame. Der heute spielstärkste Stein konnte in seinem Ursprung nur jeweils ein Feld in diagonaler Richtung ziehen. Die alten Zugweisen der Figuren mögen auch für eine orakelhafte Form frühen indischen Schachs aus Masudis Erzählung gegolten haben, aber der Verlauf dieser rituellen Spielweise ist nicht überliefert. Die ältesten Quellen bestätigen aber auch schon die heute geläufige Vorstellung vom Spielziel des Schachs, nämlich den Sieg über den gegnerischen König. Während beim Würfelvierschach der König wie alle anderen Figuren geschlagen werden konnte, so umgab den König des Zweipersonenschachs schon am Anfang der bekannten Spielgeschichte die Sphäre der Unantastbarkeit. Seine Bedrohung durch den Zug eines Spielers musste mit der Bemerkung " Schah" kommentiert werden. Durch diesen Ausspruch aus der Frühzeit der Spielwanderung wurde der angegriffene König mit dem persischen Herrschertitel angesprochen und aufgefordert, den Bereich seiner Gefährdung zu verlassen. War dieses nicht möglich, so wurde der König als "matt" bezeichnet, dem persischen Wort für hilflos. Im "Schach matt" erklingt somit seit rund tausend Jahren die Beschreibung eines hilflosen Schach-Königs, dessen ausweglose Spielposition den Verlust der Partie bedeutet. |
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