Schachgeschichte
  Schach, Ursprung und Metamorphose  

 

  Kapitel 10   Europas Schachfiguren im Wandel  
 

 

 

Das Schachspiel erhält neue Gesichter

 
 

König aus dem Lewis-Fund. (Nachbildung)

 

Zwei Bauernfiguren, dargestellt als Landsknechte. Um 1570

 

Das Bauhaus-Schachspiel von Josef Hartwig

 

Das Bauhaus-Schachspiel mit Figurenbehältnis

 

Figurentypen wie die des Lewis-Fundes bildeten den Ausgangspunkt für die spätere Entwicklung der gegenständlichen Schachfigur in Europa.

Als Abbildung weltlicher Strukturen wurde das Schachspiel im Mittelalter zum Gegenstand vielfacher allegorischer Deutungen. So schien beispielsweise die Thematik menschlichen Lebens innerhalb einer gottgewollten Ordnung eingefangen im Spielablauf. Ob König oder Bauer, jeder musste im Spiel an seinem vorbestimmten Platz einem höheren Regelsystem Folge leisten und nach Spielende konnte im Figurenbehälter der König durchaus unter dem Bauern zu liegen kommen. Auf dem Schachbrett und im "Figurensäckel" erschien menschliches Schicksal in symbolhafter Weise verkörpert.

Im 15. Jahrhundert beginnt die beeindruckende Darstellung gottgewollter Hierarchie und staatlicher Macht auf der Ebene des Spiels sich allmählich aufzulösen. Nicht mehr der monumentale, vielmehr der beschreibende Charakter prägt jetzt das Wesen der Schachfigur. Das Schachspiel als Modell einer Gesellschaft erscheint in der Gestaltung der Figuren und überträgt diesen die Aufgabe, sich selber zu erklären und zu beschreiben. So erregen Detailreichtum und auch die Kunde aus fernen Ländern in der Schachfigur Bewunderung und Staunen.

nach oben

Seit dem 18. Jahrhundert tauchen neue Motive in der Darstellung von Schachfiguren auf. So tummeln sich beispielsweise elfenbeinerne Meerestiere, die Gestalten aus Goethes Reineke Fuchs oder Vertreter der Insektenwelt als Figuren auf der Spielfläche des Schachs. Die Vielfalt an Erscheinungen auf dem Schachbrett hat sich bis in die Gegenwart stetig gesteigert. Kaum ein Themenkreis, wenn auch noch so wunderlich, wird bei der Gestaltung von Schachfiguren übergangen.

Es sollte noch bis bis in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts dauern, bis ein Bildhauer der Bauhaus-Schule bei der Gestaltung der Schachfigur ein vollkommen neueartiges Konzept zu Grunde legte. Josef Hartwig, selber engagierter Schachspieler, brach mit seinem "funktionalen" Schachspiel konsequent mit allen traditionellen Figurenformen. Die Gesichtspunkte für seinen Entwurf formulierte er:

"Da die Funktion der Dinge das elementarste ihres Wesens ist, demgegenüber ihre äußere Form etwas Sekundäres bedeutet, so kann bei der Gestaltung eines Schachspiels nur der eine Weg zum Ziele führen, indem man die Steine je nach ihrer Gangart und ihrem Wert versinnbildlicht."

Bei Hartwig versinnbildlichen unterschiedliche Größen die Spielstärke der Figuren, ihre Gangart wird an ihrer plastischen Definition erkennbar. Als Grundbaustein der Spielsteine dient die Form desWürfels, einzeln oder in Kombinationen, vollständig oder teilweise eingeschnitten. Einzig die Dame, als strategisch dominanteste Schachfigur, trägt auf ihrem Kubus eine Kugel. ein Sinnbild für ihre überragende Bewglichkeit in jede Richtung,

Gemäß diesem Gestaltungsprinzip sind Hartwigs Schachfiguren leicht zu identifizieren. Auch durch ihre, im Vergleich zum Schachbrett, mäßige Höhe läßt sich eine Figurenkonstellation aus jeder Prspektive mühelos überschauen.

Die Idee der Funktionalität findet sich schließlich auch im Figurenkasten, der die Vollständigkeit des Spielsatzes auf einem Blick offenbart.

Auch einer wesentlichen Forderung des Bauhaus Gedankens wird Hartwigs Schachspiel gerecht. Als Gebrauchsgegenstand läßt es sich leicht in großen Stückzahlen und mit einem überschaubarem Aufwand herstellen.

 
 
 
  nach oben