| Schach, Ursprung und Metamorphose |
Kapitel 9 |
Die Schachfigur im Abendland |
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| Die ersten Schritte | |||||||
Arabische Figuren, König und Turm |
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Als das Schachspiel mit den abstrakten arabischen Figuren das Abendland erreichte, war wohl niemandem bewußt, dass die Formen dieser Spielsteine aus der Darstellung von Menschen und Tieren hervorgegangen waren. Theoretisch hätten sich auf europäischem Boden die abstrakten Schachfiguren wieder in ihre indischen Urformen zurückverwandeln können. Ein Bilderverbot wie im Islam gibt es im Christentum nicht. Doch war das Wissen um die indischen Schachfiguren verloren gegangen, die sich vor Jahrhunderten zu den abstrakten Spielsteinen geformt hatten.
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Eine Königsfigur aus Norditalien (11. Jahrhundert) Musée du Louvre, Paris |
Obwohl im Abendland die arabischen Spielsteine noch Jahrhunderte unverändert in Gebrauch waren, wurde doch schon früh der Versuch unternommen, die Schachfiguren in eine gegenständliche und somit dem europäischen Auge verständliche Gestaltung zu führen. Zuerst zögernd, als reliefartige Verzierung auf der arabischen Grundform, erschienen Darstellungen mit dem vertrauten Vokabular heimischer Motive. Auf der typisch arabischen Grundform einer italienischen Königsfigur erscheint die Abbildung der Person, dessen Namen der Spielstein trägt. Auf seiner Vorderseite thront ein König, bewacht von seinen beiden Leibwächtern. Die Rückseite der Elfenbeinschnitzerei zeigt eine aus drei Personen bestehende Gefolgschaft des Herrschers. |
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Eine Turmfigur aus Frankreich (12. Jahrhundert) Musée du Louvre, Paris
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Ebenfalls aus Elfenbein gearbeitet stellt sich ein Vorläufer unseres heutigen Turms im 12. Jahrhundert in Frankreich dar. Unverkennbar ist seine Ableitung von der abstrakten Gestaltung des arabischen Spielsteins. Zwei Ritter im Kampf zieren die eine Längsseite und die Darstellung des biblischen des Sündenfalls die andere. Diese erzählfreudigen Szenen boten dem europäischen Auge mehr, als die stumme Oberfläche der arabischen Schachfigur.
Doch der eigentliche Durchbruch zu einer eigenständigen europäischen Schachfigur sollte anders aussehen, als die beiden zuvor genannten Beispiele.
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| Der Durchbruch | |||||||
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Figuren des Lewis-Fundes. (Nachbildung)
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Ein Zufall führte 1831 zu einer sensationellen Entdeckung. Nach einer Überlieferung fand auf der schottischen Insel Lewis ein Landarbeiter am Strand einen backofenähnlichen Hohlraum. Dieser war unterirdisch gemauert, jedoch vom Meer teilweise freigelegt worden. Nach genauerer Untersuchung entdeckte der Finder im Innern des kleinen Bauwerkes kleine Gestalten und glaubte in ihnen eine Versammlung von Erdgeistern und Gnomen zu erkennen. Erschreckt verließ er den Fundort, konnte aber von seiner Frau überredet werden, zurückzukehren. Erst jetzt erkannte er in den Gestalten geschnitzte Figuren, die er in sein Haus holte.
Der für die abendländische Schachgeschichte einzigartige Lewis-Fund dokumentiert den eigentlichen Durchbruch bei der Umwandlung von der abstrakt-arabischen zur gegenständlich-abendländischen Schachfigur. Die Entstehung der 78 aus Walrosselfenbein geschnitzten Figuren wird auf das 12. Jahrhundert datiert und ihre Größe variiert zwischen 6 und 10 cm. In ihnen taucht der erste eigenständig-europäische Typ von Schachfiguren auf.
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Wandlung von der arabischen zur europäischen Köngsfigur.
König und Königin aus dem Lewis-Fund, 12. Jahrhundert (Nachbildung)
Dieselben Figuren in der Rückenansicht
Figuren des Lewis-Fundes. (Nachbildung)
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Die Gestalt der Lewis-Figuren erscheint auf den ersten Blick weit entfernt von ihren arabischen Vorläufern. Doch es hat in der Entwicklung von der Abstraktion zur gegenständlichen Darstellung kein Sprung in der plastischen Gestaltung stattgefunden. Trotz des tiefgreifenden Wandels lebt in der geschlossenen monumentalen Gestalt der Lewis-Figuren noch der Geist der abstrakten arabischen Form.
Der abgerundete Vorsprung in der arabischen Königsfigur bildete beim Lewis-König die Kniezone mit dem darauf liegenden Schwert. Aus dem oberen Zylinderabschnitt der abstrakten Figur formte sich die Schulterpartie und aus der kegelförmigen Erhebung des arabischen Spielsteins erwuchs schließlich der Kopf des gegenständlichen Königs.
Bei der Wandlung zur Königin lagen ähnliche gestalterische Prinzipien zugrunde wie bei der Umformung des arabischen Königs, der mit dem Berater dieselbe Form teilt. Dies wurde in Europa durch die Königin ersetzt.
Neben dem Königspaar, der höchststehenden Macht im Staat, erschien im Lewis-Fund ein Repräsentant der Kirche, der Bischof. Dieser leitet sich von der abstrahierten Gestalt der arabischen Elefantenfigur ab. Die plastische Umformung orientierte sich wahrscheinlich an den beiden Buckeln der Figur. In die Vertikale verlagert, konnten diese die bischöfliche Mitra bilden und so sinnvoll in die neuentstandene Darstellung integriert werden. Bei einigen Bischofsfiguren des Lewis-Fundes dominiert noch die typische zylindrische Grundform des abstrahierten Elefanten.
In der bekannten Spielgeschichte des Schachs hatte sich die Bedeutung des Pferdes nie geändert. In seiner gegenständlichen Darstellung als Ritter auf dem Ross konnte sich mit dieser Abbildung der Adel identifizieren. Er bildete neben der kirchlichen die zweite Stütze staatlicher Macht eines Königshauses.
In der Position des heutigen Turms erschien im Lewis-Schachspiel ein mit Schild und Schwert bewaffneter Krieger. Diese Figur lässt keine Formenverwandtschaft mit dem Rukh, ihrem arabischen Vorläufer, erkennen. Das Erscheinen eines Fußsoldaten erklären die Kunsthistoriker H. und S. Wichmann in den ähnlich klingenden Wörtern Rukh und dem Rokh, letzteres die isländische Bezeichnung für einen Helden. Seine Darstellung löste den kantigen arabischen Spielstein ab. Der eigentliche Turm tauchte erst im 14.Jahrhundert auf dem Schachbrett auf.
Im Gegensatz zu den Figuren der Grundlinie erscheinen die Bauern des Lewis-Fundes gesichtslos. Dieser Umstand verwundert nicht, da im europäischen Schach nun ein Spiegel der gesellschaftlichen Ordnung entstanden war. Dem Königshaus, dem Klerus und dem Adel war die anonyme Masse der Landbevölkerung untergeordnet. |
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