| Schach, Ursprung und Metamorphose |
Kapitel 8 |
Das Schachspiel erreicht Europa |
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Das Schachspiel im Schnittbereich zweier Kulturen |
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Spanien zur Zeit um 1050
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Für ein halbes Jahrtausend verlief auf der iberischen Halbinsel eine Grenze zwischen der christlichen und der islamischen Welt. Arabische Technik, Wissenschaft und Kunst, verbunden mit einer Politik der Toleranz, führte in den besetzen Gebieten Spaniens zu einer kulturellen Blüte, die das übrige Europa weit in den Schatten stellte. Dem Austausch morgen- und abendländischen Wissens folgte der Aufstieg Toledos zur geistigen Metropole ganz Europas.
In einer Atmosphäre zeitweiliger, friedlicher Koexistenz von Christentum, Judentum und Islam fand das Schachspiel Zugang zum abendländischen Kulturkreis. Während in anderen Teilen Europas Schachfiguren noch oft als wertvolle Kuriositäten behandelt wurden und in den Schatztruhen ihrer Besitzer verschwanden, entstanden auf spanischem Boden die Grundlagen europäischer Schachtradition. |
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Ein christlicher und muslimischer Ritter beim Schachspiel. Codex Alfonso, Ausschnitt, Vollbild
Musliminnen beim Schachspiel. Codex Alfonso, Ausschnitt, Vollbild
Nachgearbeitete Darstellung einer Wandmalerei in der Doppelkirche Schwarzrheindorf bei Bonn, Ausschnitt. . Vollbild |
Bevor sich der Schleier mittelalterlichen Dunkels auch auf die iberische Halbinsel senkte, entstand ein Juwel europäischer Schachliteratur.
Am Vorabend der endgültigen Reconquista (Wiedereroberung) setzte ein kastilischer Monarch dem Schach ein bezeichnendes und unsterbliches Denkmal. König Alfonso X (1221-1284), genannt El Sabio (der Weise), gilt als einer der gelehrtesten Regenten seiner Zeit. Dieser "Salomon Kastiliens", der einen großen Teil seines Lebens der Wissenschaft und Kunst widmete, schuf in seiner Regierungszeit unter anderem die Grundlagen der europäischen Astronomie, der Rechtslehre und verfasste selbst über 400 Gedichte.
So hervorragend seine Leistungen auf kulturellem Sektor auch waren, so unglücklich gestaltete sich sein politisches Schicksal. Durch das Ränkespiel seiner Familie praktisch entmachtet, isoliert als friedliebender Monarch in einer geistigen Umgebung des Kreuzzugfanatismus und der religiösen Intoleranz, schrieb er in seinem letzten Lebensjahr das Buch über die Spiele.
Dieser Codex Alfonso stellt das bedeutendste und am kunstvollsten gestaltete Buch dar, das je zum Thema Schach verfasst wurde. Schlaglichtartig wird hier der hohe Entwicklungsstand des Schachspiels des 13. Jahrhunderts beleuchtet. Neben der Vielzahl an spielstrategischen Informationen vermittelt das Buch aber auch eine moralische Botschaft seines königlichen Autors. In Wort und Bild verweist Alfonso immer wieder auf die im Spielsinn des Schach enthaltene Friedensphilosophie.
Für Vermutungen, das Schachspiel hätte durch die Kreuzritter den Weg in das Abendland gefunden, fehlen historische Belege. Eine Wandmalerei belegt eine weitverbreitete Vorstellung im christlichen Abendland über die Zustände im muslimisch beherrschten Jerusalem. Ihre ungläubigen Bewohner entweihen die heiligen Stätten. Sie praktizieren ihre religiösen Riten und beten zu ihren Götzen, zu niederem Getier. |
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