| Schach, Ursprung und Metamorphose |
Kapitel 6 |
Die frühen Schachfiguren |
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| Die abstrakten Schachfiguren, Spielelement und Kunstobjekt | ||||
Abstrakte arabische Figuren des Fundes bei Adelsdorf (Nachbildung).
Venus von Lespugue (Nachbildung)
Figuren des Fundes bei Adelsdorf.Von links nach rechts: Turm, Läufer, König und zwei Springer. (Nachbildung)
Iranische Schachfiguren, glasierter Ton, 12. Jahrhundert. Von links nach rechts: Springer, Bauer, Turm, Dame, Läufer. (Nachbildung) |
Vertraut mit dem Ausdruck abstrakter Plastiken erschließt besonders das zeitgenössische Kunstverständnis die hohe Kunstform der arabischen Schachfiguren. Ihre auf den ersten Blick so moderne Form ähnelt gleichzeitig den ältesten Skulpturen der Menschheitsgeschichte.
Schon in den frühesten Anfängen menschlicher Kultur vor ca. 30.000 Jahren begegnen uns abstrakte Abbildungen. Die elementarsten sinnlichen Erfahrungen des frühen Menschen bargen der eigene Körper, das jagbare Wild und die Früchte der Natur. Ihre meist sanften, organischen Rundungen erscheinen als stark betonte Wölbungen in vielen urzeitlichen Plastiken. Ihre Verwendung lag wahrscheinlich im Bereich magisch-ritueller Handlungen.
Mit Ausnahme des Turms teilen die arabischen Schachfiguren ihr Formenvokabular mit vielen dieser ältesten Skulpturen. So ist es möglicherweise eine uns allen eigene Ur-Erinnerung, die beim Betrachten der abstrakten Spielsteine mitschwingt und auf geheimnisvolle Weise tiefe Assoziationen zu wecken scheint. Dies würde auch die Fundumstände etlicher arabischer Schachfiguren erklären. Abstrakte Spielsteine wurden in Europa in Fundamenten und Grundsteinen eingemauert entdeckt. Der Mensch des Mittelalters erahnte wohl eine den Figuren innewohnende magische Kraft, die er zum Schutz von Gebäuden nutzen wollte. Die urzeitliche abstrakte Plastik und die arabische Schachfigur fordern gleichermaßen auf zum Ertasten ihrer Oberfläche, zum Begreifen in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes. Gerade als Spielsteine, die berührt und geführt werden, erschließen die abstrakten Schachfiguren dem Spieler das Erkennen der Figur durch das Erlebnis des Tastsinns. Die Bedeutung einer solchen Erfahrung wird heute kaum noch gewürdigt. Doch die Tiefe solcher Empfindungen belegt der in einigen Kulturen noch gebräuchliche Handschmeichler. In der Hand bewegt, vermitteln glatte Natursteine eine angenehme Stimulans oder speziell hierfür geformte Kugeln Hilfestellung bei Meditationsübungen. Auch die arabischen Schachfiguren in ihrer äußerst knapp akzentuierten, aber dennoch tiefgründigen Form verführen zum Dialog zwischen der Hand und ihrer Oberfläche. Dieses Erlebnis wird von keiner anderen Figurenform in dieser Deutlichkeit erschlossen.
Vom Charakter des Abbildenden befreit, kann jetzt die abstrakte Schachfigur gänzlich neue Beziehungen innerhalb der Figurengruppe entwickeln. Auch der Spielverlauf selber erhält einen besonderen gestalterischen Ausdruck. Geführt vom Regelsystem des Schachs entwickelt das Kunstwerk des Figurensatzes ein Eigenleben, nimmt in praktisch unzähligen Variationen neue plastische Ausdrucksformen an.
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