Schachgeschichte
  Schach, Ursprung und Metamorphose  

 

 

Kapitel 2

  Das Schachspiel und sein rätselhafter Ursprung  
 

 

 

Das Würfelvierschach

 
 

Ausschnitt einer Palmblattminiatur. Darstellung: Krishna und Hirtenfrauen, letztere nicht im Bild. Palmblattstreifen links, rechts

 

 

 

 

 

 

 

 

Figurenanordnung des Würfelvierschachs

 

 

 

 

 

 

 

Indischer Würfelstab

 

 

Rechte Seite: Zwei "Punkte"

 

Linke Seite: Fünf "Punkte"

 

Rechte Seite: Sechs "Punkte"

 

Linke Seite: Ein "Punkt"

 

Der Ursprung des Schachspiels liegt verborgen in der Ferne indischer Geschichte. Die frühen Spuren der Spielentstehung sind vom Sand der Zeit verweht. Greifbare Zeugnisse, wie alte, indische Schachfiguren haben sich nicht erhalten, sie sind ausnahmslos verloren gegangen. Genauso wenig existieren schriftliche Überlieferungen, die den Ursprung des Schachspiels dokumentieren. Eine weitere Suche nach frühen Berichten verspricht überdies wenig Erfolg. Die alten indischen Palmblattschriften sind verschwunden, sie sind Insekten zum Opfer gefallen oder, der Natur des Materials folgend, durch die Einwirkung von Witterungseinflüssen einfach zerfallen. Wenn Texte alter Palmblattaufzeichnungen nicht regelmäßig durch neue Abschriften ersetzt wurden, ging altes Wissen unwiederbringlich verloren. Sollte es alte indische Schriften über das Schachspiel oder gar über seine Entstehung gegeben haben, so existieren sie wahrscheinlich nicht mehr. Die ältesten Beschreibungen des Spiels stammen nicht aus seinem Geburtsland Indien.

Umso mehr sorgte eine Entdeckung im 19. Jahrhundert für Überraschung. Englische Indienreisende berichteten von der bemerkenswerten Form eines Schachspiels, ein Schachspiel für vier Personen, bei dem auch gewürfelt wurde. Handelte es sich bei diesem Spiel möglicherweise um eine noch lebende, fossile Form unseres Schachspiels? Zwei- und Vierpersonen-Schach tragen in Indien denselben Namen, beide werden Tschaturanga genannt. Diese Tatsache gilt unter Schachforschern als ein Hinweis auf die Entstehung einer Schachform aus der anderen. Die schachgeschichtlich relevante Kernfrage lautet, welche der beiden Schachformen als die ursprünglichere anzusehen sei. Dieses Thema wurde lange Zeit von den Schachhistorikern heftig diskutiert und widersprüchlich beantwortet. Inzwischen hat sich im Allgemeinen die Überzeugung durchgesetzt, im Würfelvierschach tatsächlich die Urform des heute geläufigen Schachspiels zu sehen.

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Ein Schachspiel, an dem vier Spieler beteiligt sind, mag noch überraschen, der Gebrauch eines Würfels aber erscheint mit dem Spielsinn des Schachs unvereinbar. Dennoch beinhaltet das Würfelvierschach mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede mit dem uns bekannten Schachspiel.

Ersetzt man die Positionen der Damen im heutigen Spiel durch zwei Könige, lassen sich aus den zwei Figurengruppen durch einfaches Halbieren vier gleichwertige Formationen bilden. Diese, durch verschiedene Farben gekennzeichnet, entsprechen der Figurenaufteilung eines Würfelvierschachs. Obwohl zu Spielbeginn sich je zwei Spieler verbündeten, war es das Ziel jeder Partei, die Könige aller übrigen Teilnehmer aus ihren Positionen zu verdrängen oder diese nach Möglichkeit zu schlagen. War es möglich, den Thron des befreundeten Königs einzunehmen, so konnten seine Figuren übernommen werden. Ein Fußsoldat, der zur gegenüberliegenden Grundlinie gelangte, verwandelte sich, je nach erreichtem Spielfeld, zu Wagen, Pferd, Elefant und unter bestimmten Umständen erschien er sogar als fünfter König auf dem Spielfeld. Die Existenz eines Wagens und eines Elefanten im Schachspiel darf hier nicht verwundern, denn diese Figuren tauchen auch im alten Zwei - Personenschach auf.

Die Zugweisen der Figuren waren in vieler Hinsicht mit denen des frühen Zweipersonenschachs identisch. Die Wahl, welche Figur bewegt wurde, traf beim Würfelvierschach nicht einer der vier Spieler. Diese Entscheidung fällte ein Würfel, der sich von dem uns geläufigen durch seine längliche Stabform unterschied. Im Normalfall kam dieser Würfelstab auf einer seiner vier Längsseiten zu liegen. Diese trugen die durch Punkte markierten Zahlenwerte.

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Eine Besonderheit offenbart die Verteilung der Augenzahl auf dem Würfelstab. Bei unserem heute geläufigen sechsseitigen Würfel ergibt die Addition der Punktzahl der gegenüberliegenden Seiten die Zahl Sieben. Diese Tatsache könnte aus einer dem Zufall erwachsenen Vereinbarung entstanden sein.

Doch beim Würfelstab hat möglicherweise ein altes System Regeln geschaffen. Denn auch hier erscheint die Sieben in der Summe der Punkte auf den sich gegenüberliegenden Flächen. Das naheliegende Durchnumerieren der vier Seiten von eins bis vier schien also nicht möglich. Bei dem hier vorliegendem Würfelstab liegen sich die Zahlenpaare zwei-fünf und eins-sechs gegenüber. In einer mittlerweile übersetzten Beschreibung des Würfelvierschachs findet sich noch eine andere Kombination. Doch auch hier erscheint die Zahl Sieben als ein übergeordnetes Prinzip. Es weist in die Sphäre altorientalischer Zahlensymbolik, in der möglicherweise auch Elemente des Schachspiels ihren Ursprung haben.

Am Rande sei hier noch auf die Überlegungen Rosenfelds verwiesen, der auch die Ursprünge des Kartenspiels im Würfelvierschach sieht. Die Darstellung der vier gleichen Bauern als Zahlen, die vier unterschiedlichen Figuren der Grundreihe in Form verschiedener Symbole (heute Bube, Dame, König, As) und schließlich ihre Umsetzung in vier verschiedene Farben auf Papier, würde tatsächlich die Herkunft des Kartenspiels aus der alten Schachform beschreiben.

 

 
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